Lucy fröstelte es unter ihrem dicken Mantel, während sie durch den Schnee stapfte. Sanfte Schneeflocken blieben in Lucys blondem Haar und auf ihren vor Kälte geröteten Wangen hängen, doch Lucy störte sich nicht daran. Die Eiseskälte war ihr auch egal. Denn sie konnte nur den einen Gedanken denken: „Ich bin HIV-positiv.“
Zuhause angekommen warf Lucy den schweren Mantel ab und stakste in ihr Zimmer. Sie fühlte sich unheimlich müde. Die 16jährige sank auf ihr Bett.
„Ich bin HIV-positiv.“, mit geschlossenen Augen ließ Lucy einen neuen Gedanken zu, „Von wem?“
Lucy wurde schlagartig klar, dass sie ihren Freund Paul von ihrem Arztbesuch und der schicksalsverändernden Diagnose erzählen musste. Sie waren ein Jahr lang zusammen, doch dann hatte Lucy sich zu einem dummen One-Night-Stand hinreißen lassen. Dieser andere Junge – Julian? Wie hieß er noch gleich? – hatte sie dann wohl mit Aids angesteckt, denn Paul und sie hatten mit dem Sex noch warten wollen.
Lucy schluckte. Sie hatte Paul noch nichts von der Affäre erzählt.
Dem Mädchen schienen ihre eigenen Bewegungen unendlich langsam und sie tippte Pauls Nummer viel zu behutsam in ihr Handy ein. Es tutete unwahrscheinlich lange. Dann nahm Paul aber endlich ab: „Ja?“
„Paul… Ich bin’s, Lucy.“, flüsterte sie in das Handy, „Du, ich muss dir was gestehen.“
Sie räusperte sich. Ihre eigene Stimme klang so fremd. Lucy hörte sich selbst leise sagen: „Als du in den Osterferien im Urlaub warst, war ich auf einer Party. Mir war langweilig, also habe ich etwas getrunken. Und… ich habe dich betrogen.“
„WAS?!“
„Paul, bitte.“, Lucy zitterte, „Das ist noch nicht mal das Schlimmste. Paul… Ich habe Aids.“
Gerade noch war Paul wutentbrannt gewesen, doch nun schwieg er.
Lucy machte die Augen zu und dachte: „Bitte, sag doch was!“
Sie brauchte jetzt seine Liebe, seine Schulter zum Anlehnen. Doch am anderen Ende der Leitung blieb es still.
„Verdammt, was denkst du?“, rief Lucy.
Nüchtern, benahe schon hart und kalt, meinte Paul: „Und? Hast du mich angesteckt?“
„Nein.“, wehrte Lucy ab, „Wir haben doch seit dem One Night Stand nicht miteinander geschlafen!“
„Das heißt gar nichts. Wir haben uns geküsst. Wegen dir Flittchen könnte ich jetzt Aids haben!“, kam es zornig von Paul. Dann hängte er ein und Lucy blickte wie erstarrt ihr Handy an. Was war das denn gewesen? Sie hatte eine tödliche Krankheit und ihr Freund nannte sie ein „Flittchen“?
Aber dann wurde es Lucy klar.
Sie war geschockt wegen ihrer Aids-Erkrankung, weil sie wusste, dass sie sterben würde – sie wusste nur nicht wann und diese Unwissenheit zermürbte sie.
Ihre Umwelt war geschockt wegen ihrer Aids-Erkrankung, weil diese wussten, dass sie sterben würde – sie wussten nur nicht, ob Lucy sie angesteckt hatte und auch sie dem Tode geweiht waren.
Denn das war der größte Schock überhaupt – Lucys Umwelt war viel zu wenig aufgeklärt, um Lucy Trost und Hoffnung zu bieten.

Jede Minute infizieren sich fünf weitere junge Menschen mit HIV.
Der einzig wirksame Impfstoff gegen AIDS ist nach wie vor Aufklärung.
Die Diskriminierung HIV-positiver Menschen ist eine Menschenrechtsverletzung.
Also schau nicht weg.
Informiere dich.
Schütze dich.


Diese Geschichte stammt aus der Feder von Simone!










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